Oliver Tepel für Galerie Norbert Arns, Köln, 2018

Auf der Reise

Terra Incognita! Einst ein Funkeln in den Augen Wagemutiger. Was so funkelt, entsagt gern Maß und Vernunft, die Entdecker neuer Welten, sie spielten mit ihrem Leben. Doch machen wir uns nichts vor, diese Zeiten sind vorüber. Der Mensch ist auf dem Erdball bereits überall gewesen, hat ihn erkundet, ausgemessen und dabei seine eigenen Heldengeschichten geschrieben.

Als Robert Kraiss 2011 eine eigene Reise in seinem Buch „The stinking and the perfumed elephant“ skizziert, betritt er kein wirklich unerkanntes Land. Selbst die entlegenste Fremde erwartet uns mit ihrer Geschichte, der man sich unwillkürlich zu stellen hat. Um diese Geschichten herum rankt sich, was selbst auf dem gänzlich durchforschten Planeten immer noch das große Abenteuer, die Reise zu einem komplett Ungewissen versprach: die Kunst.

Nicht immer war ihr jenes neue Terrain geheuer. Noch recht früh in der auftrumpfenden Moderne nennt Charles Baudelaire sein Tun „Plaisanteries Contre Le Progrès“, Scherze aber auch Streiche gegen den Fortschritt. Im Experimentierfeld, welches die Moderne in der Kunst fand, nahm Baudelaire dennoch seinen Platz, keineswegs explizit im Namen des Fortschritts, aber doch mit einem forschenden Blick auf die Sprache und den Menschen. Die Lichter der Großstadt Paris, Zentrum neuer Entwürfe, illuminieren manche seiner Gedichte, das neue Leben in der alten Sprache.

Mehr als ein Jahrhundert später, die Moderne ist vollendet, beschreibt ein junger britischer Sänger namens Momus die Sammlung scharfsinnig ironischer und doch schmerzvoller Neuinterpretationen biblischer Szenerien, welche sein erstes Album füllen als „the Old Testament to the new instruments“. Dabei dominiert die akustische Gitarre und nicht etwa der digitale Synthesizer seine Songs. Wenn Robert Kraiss mit undogmatischem, neuem Instrumentarium (präzise: mit einem Bohrschrauber) Stilistiken, ja komplette Werke der Vorkriegsmoderne neu interpretiert, forscht er zugleich auf bekanntem Territorium. Diese Struktur funktioniert auch in die andere Richtung, Skulpturen, an die organischere Version der modernen Abstraktion erinnernd, entstehen auf die anachronistischste Weise schöpferischer Formgebung: als Flechtwerk, warmes, günstiges Material statt ehrfurchtgebietender Bronze oder kaltem Beton.

Was die alten Instrumente in der neuen Form oder die neuen Instrumente in den alten Werken finden, sind rhythmische Wiederholungen, keine ewige Wiederkehr, sondern vibrierende Akzentuierungen, die einen als Augen Redonscher Zyklopen anstarren oder als Variante von Picabias phallischen Provokationen erscheinen. Wichtig ist nur, dass sie erscheinen, da sind und sich längst schon der unmittelbaren Verständlichkeit entzogen haben. So sind Kraiss Arbeiten auch Neuschöpfungen aus einer vergangenen Kultur, experimentelle Archäologie und verliebtes Echo in einem. In einem steten Pendeln zwischen der unmittelbaren Nähe und der unerklärlichen Ferne fixieren sie den aktuellen Moment. Den aktuellen Moment? – Ja, unsere Zeit, welche ihre eigenen Zeichen vergisst und doch keine wirklich neue Sprache zu finden vermag. Mitunter erinnern Kraiss’ Werke an pointillistische Auflösungen. Aber ob wir die Dinge nicht mehr, oder noch nicht klar sehen, bleibt unserer Interpretation überlassen.

Kraiss beobachtet allerdings – und diese Vorstellung macht mich, während ich dies hier schreibe, etwas bange – nicht in erster Linie die Kunst der Vergangenheit. In stiller Aufmerksamkeit ruht sein Blick auf uns. Er sieht uns! Terra Incognita oder nur allzu bekanntes Terrain?

Artothek, Köln, 2017

“Robert Kraiss zeigt in seiner Ausstellung „Diana und Aktaion“ in der artothek – Raum für junge Kunst Buntstiftzeichnungen und Korbskulpturen.

Weit entfernt von allem, was man üblicher Weise mit Buntstiftzeichnung verbindet, schafft Robert Kraiss verdichtete, fabelhafte Bildwelten. Maschinell verstärkt bearbeitet er den Bildträger beim Farbauftrag bis hin zur beginnenden Zerstörung. Zeichen und Objekte entstehen aus einem schillernden Farbspektrum, das sich Schicht um Schicht zu einem Farbraum verbindet. Die assoziative Einbeziehung von Mythen, Astrologie und Zitaten der Bildenden Kunst öffnen den Weg in eine vordergründig bekannte Bildwelt, nehmen den Betrachter mit und lassen ihn kurz danach auch schon wieder mit vielen Fragen alleine. Wie notwendig oder überflüssig sind die erzählerischen Momente? Distanzierte Betrachtung oder Eintauchen in Atmosphäre?

Der antike Mythos von „Diana und Aktaion“ scheint eine mögliche Deutungsebene zu den Bildern zu bieten, stellt diese Notwendigkeit jedoch auch ironisierend in Frage. Für den Künstler bleibt die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen bilderzählerischer Formen im Spannungsfeld zu den Fragen abstrakter Malerei. So konkret manche Formen sichtbar sind, so malerisch flirrend entledigen sie sich ihrer narrativen Bezüge.  

Auch die amorphen Formen der ausgestellten Skulpturen flimmern durch Rot-Grün-Kontrast, lösen dabei ihre Konturen auf, können Falle oder Phallus sein. Das rotierend Wirbelnde, das bei Robert Kraiss bereits früher für Meditation, Versenkung oder Ekstase stand, ist auch in diesen Werken wieder präsent: Verflochtene Strichstrukturen entstehen durch die Montage der Stifte auf einem sich drehenden Bohraufsatz und ebenso windet sich das Rattangeflecht der Skulpturen spiralförmig zur Form.”

Susanne Burmester, Neuenkirchen, 2016

Das unironischste Rot

Robert Kraiss arbeitet im künstlerischen Spannungsfeld von individuellem Ausdruck und Konzept. Die Ausstellung im CIRCUS EINS stellt den in Köln lebenden Künstler mit Zeichnungen und Skulpturen erstmals umfassend auf Rügen vor.

Ein sich drehender Brummkreisel macht Lärm – doch erzeugt Leere, denn in der Bewegung wird er unsichtbar. Auch Robert Kraiss spannt seine Buntstifte nicht in den Akkuschrauber, um viel Lärm um den eigenen Status machen. Mit Schnelligkeit überwindet Kraiss den hypochondrischen Zustand als Künstler und macht sich frei für die Empfängnis von Bildern, die intensiv sind und magisch, subjektiv und sperrig.

Die Leere, die er durch diese und andere Distanzierungsverfahren erzeugt, ist reichhaltig und rätselhaft. Durch die Anhäufung von Gegensätzen und ironischen Irrläufern entsteht eine Art paradoxes Gewebe. Die Arbeiten sind beides, sehr distanziert und sehr persönlich. Konzeptuelle Kühle trifft auf warme Haptik von sowohl Akku-Zeichnungen als auch Korbskulpturen.

Der Titel der Ausstellung ordnet die Mühe, die in der Herstellung der Bilder und Skulpturen steckt, mit einem Streich den Worten unter. Damit werden sie einer willkürlich erscheinenden Umdeutung unterworfen, die ihre Bedeutung verzerrt. Der angedeutete Sinn bestätigt sich aber kaum aus der Betrachtung der Ausstellung, sondern fungiert eher als Einladung an den Betrachter, mit seinem schlauen und beherzten Blick die Ausstellung zu vervollständigen.

„Das unironischste Rot“ ist die Reflektion der unmöglichen Situation des heutigen Künstlers. Die Heroisierung des Schöpfertums, die mit dessen Banalisierung einhergeht, die formale und inhaltliche Festlegung, die stilistische Schublade. Robert Kraiss gelingt es, den irren Parcours zu durchlaufen, ohne einen Scherbenhaufen zu hinterlassen oder selber in die Grube zu fallen.

Robert Kraiss wurde 1972 in Bonn geboren. Er hat an der Kunstakademie Düsseldorf studiert und war Meisterschüler von Georg Herold. Er hat bei Galerie Desaga, Köln und Peter Kilchmann, Zürich u.a. ausgestellt und hat an Gruppenschauen u.a. bei Isabella Bortolozzi, Berlin und in der Kunsthalle Düsseldorf teilgenommen. Zuletzt wurde er 2015 in der artothek – Raum für junge Kunst in Köln mit einer Einzelausstellung vorgestellt. Robert Kraiss erweitert seine künstlerische Arbeit durch musikalische Auftritten mit „Die Bäume“ und der „Ylmaz House Band“ sowie als Autor. Er hat aktuell einen Lehrauftrag für Zeichnung an der Universität Siegen und arbeitet außerdem als Ergotherapeut.

Außerdem wird das Video “Der Blaue Mongo” von Stefanie Popp mit Musik von Robert Kraiss und Florian Gass gezeigt.

Gregor Jansen für die Kunsthalle Düsseldorf, 2005

Misanthropie eines Philanthropen

Robert Kraiss zeichnet dekonstruierte Affen mit schönen Augen oder schönen Zähnen; achteckige Elemente oder zwei lesende Clownköpfe mit roter Nase und lustigen Schlappohren vor Schattierungen und anderen Beigaben konstruktiver Weltsicht. Zwei Personen in einem von Gitarre, Axt und allerlei Zierrat umgebenen Herz. Einen Totenkopf-Maler mit allen Klischees bestückt und eckigen Augenhöhlen; eine sich an die schönen Brüste fassende and Venus; ein melancholisch versunkener Roncalliclown hinter All Norhang?). Eine verquaste Gestalt mit lupenartigen Betonungen einzelner Körperpartien; ein Geschenk inmitten einer Rasenlicht und 4en mit Mann. All dies aber ist ein Vorwand für die Abstraktion das Formlose der unstrukturierten Gesten, wie von wahnsinniger Hand verbrochen, wilde Tachismen und frei gefeuerte, hemmungslose Informeln. Seine Bleistifte streiten sich um eine Vorherrschaft oder die Hoheit auf dem Blatt: Idee oder Form, Konzept oder Freiheit, Ordnung und Chaos, Sinn oder Verstand? Die Welt hat sich auf seinen zugestrichelten, wegradierten oder offenen Kompositionen selbst verloren, steht vereinzelt, bisweilen vermint im Zeichenfeld des kruden Unsinns von Mehrsinn. Die Zeichnung ist ein sehr altes, von vielen sogar als Ursprung der Kunst verstandenes Medium, erlangte erst im 16. Jahrhundert als Theorie des Disegno bei den Italienern eine gewisse Autonomie, zu der sich Künstler heute immer noch bekennen dürfen. Vasari beschreibt in der zweiten Ausgabe seiner »Viten« 1560, beim Disegno gehe es nicht nur um eine Idee, sondern auch um deren Umsetzung. Dementsprechend versteht er Disegno als Konkretisierung eines geistigen Entwurfs. Die Bedeutung des Begriffs wechselte vom unentschiedenen »Idee« auf der einen und >Form« aut der anderen Seite hin zu deren Synthese.

Kraiss zeichnet dies als einen Prozeß, der flirrend Weltsicht als Idee und Form verbindet. Es ist ein ironischer Prozeß der spontanen Innenwelt, ein Vexierbild des Unergründlichen, wobei es nicht ohne Belang ist, daß er ausgebildeter Ergotherapeut ist, also geübt im Umgang und Lernen von Fein- und Grobmotorik mit Kindern. Zuviel Bedeutung sollte man dem aber auch nicht beimessen, denn wir sehen schließlich unter anderen Anzeichen bedeutende, und deutlich ausbalancierte (meint: komponierte) Zeichnungen vor uns. Das Spezifische ist - um es irgendwie auf eine Formel zu bringen - ein genialer Dilettantismus, den Robert Kraiss nutzt, um verstörende bis wunderschöne Eruptionen der zum Teil gestörten, aber immer überaus sensibel wahrgenommenen Bilderund Umwelt zu generieren. Aus einer bewußten Negierung der Erwartungshaltung gegenüber der schönen und bildenden Kunst erschließt er sich über das kollektive Gedächtnis den Horizont ohne denselben und bleibt auf der Fläche wie bereits die Surrealisten, allen voran die traumhaften Frottage-Zeichnungen Max Ernsts oder der Histoire naturelle (1926). In Gemälden wäre das nie denkbar (Idee), geschweige denn sichtbar (Form).

Das Vor und Zurück des Prozesses ist wie ein Flimmern der Erkenntnis und die heitere Melancholie der Figuration bei Kraiss eine der Welt zugeneigte Akzeptanz des Saturnikers. Dies wußte schon Dürer und stach sie in ein vieldeutiges Gerümpel; die alles vernichtende Formlosigkeit der entropischen Faszination als Wissen um das Ende allen Ursprungs wußte schon Wols, und erklärte seinem Hund die Bilder. Misanthrop und Philanthrop sind somit in den Zeichnungen des Robert Kraiss auf gar abstrus bis wundersame Weise glücklich vereint. Und wenn diese dann noch aus großer Höhe herab betrachtet werden können (wie beim Akademierundgang 2005), stellt sich sogar eine ganz andere, ungeahnte Form von Genuß ein: eine räumlich präsente Größe.